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Ernst Goercke:
Christoph Scheiners Versuche mit der »camera obscura«
Ein Beitrag zur Ausstellung: Die Jesuiten in Ingolstadt

 
Christoph Scheiner (1575 - 1650) SJ führte, um die optischen Probleme des Sehvorganges näher zu ergründen, eine große Anzahl physiologischer und physikalischer Versuche durch. Die Ergebnisse dieser Untersuchungen faßte er in dem 1619 in Innsbruck verlegten und dem Kaiser Ferdinand II. gewidmeten Buch »Oculus hoc est fundamentum opticum« zusammen.

Im zweiten Experiment werden auf den Seiten 32-34 Objekte durch eine winzige Öffnung mit gekreuzten Strahlen betrachtet.
Er schreibt: »Ich nehme nur einen Gegenstand an, der auf der optischen Achse liegt, alles übrige liegt in den betrachtenden Strahlen und daß diese sich kreuzen, wird daraus klar werden.«

In der von Scheiner angefertigten Skizze bedeuten:
             I -------------- K            <--  IK     sichtbares Objekt
              \              /             <--  IHL   kreuzweise
               \            /                 &KHM   geteilte Strahlen
                 \        /
            +------------------+           <--  DEFG   vorgesetzte
           E                  F                         dunkle Platte
                              
                   H o                   <--  H      durchstoßenes Loch
                    / \    +----------+
                 M /   \ L  N      O    <--  NO   Experimentierplatte
                  A ___ C  +----------+                zum Abdecken
                  ((:::))                             des Lichtflusses
           D+------((:::))-----+G
                    ((B))                  <--  ABC     das Auge

Vor seinen eigentlichen Experimenten bringt Scheiner in den ersten drei Absätzen als Einführung gleichsam, den bereits lange bewiesenen Nachweis der Kreuzung der Lichtstrahlen in einer camera obscura, sowie den ebenfalls bereits lange bewiesenen Nachweis, daß die sich schneidenden Strahlen anschließend geradeaus weiterlaufen. ...


In sieben Punkten erweitert Scheiner dann die Versuchsanordnungen, um gezielt auf seine spätere Erklärung des eigentlichen Sehvorganges zuzusteuern.

zu Punkt 1:
Durch kreisförmige Bewegung der Platte N O vor dem Objekt und die damit verbundene wechselseitige Abdeckung der verschiedenen Seiten des Objektes beweist eindeutig die geradlinige Fortpflanzung der einzelnen Lichtstrahlen.

zu Punkt 2:
Wird die Platte N O nicht zwischen Auge und Platte D E F G angebracht, so ist der Bedeckungsvorgang derselbe, d.h. daß sich die Strahlen I L & K M nichts jenseits, sondern diesseits der Öffnung H kreuzen, nämlich zwischen Auge und Platte D E F G.

Die Sehstrahlen kreuzen sich nicht vor der Öffnung.

...

zu Punkt 6:
Wird bei unveränderter Versuchsanordnung die Öffnung H vom Auge zum Objekt I K X Z bewegt, so erscheint es immer kleiner, bis es verblaßt.
Wird dagegen die Öffnung H dem Objekt näher gebracht, so wird es größer. Hierzu sagt Scheiner dann noch: »Jene Strahlen sitzen mehr in der Cornea (Hornhaut), diese weniger.«

zu Punkt 7:
Die kleinste Öffnung H läßt in der Ferne, wie auch in der Nähe liegende Objekte, welche schlecht, trübe, undeutlich und fast wie durch einen Nebel gesehen werden, klar erscheinen. Sie werden einfach, deutlich und vergrößert wahrgenommen.
Derselbe Effekt wirkt sich auch bei Gestirnen aus, wo die überflüssige Strahlung durch die benutzte Öffnung gewöhnlich abgeschnitten wird.
Kleine Objekte, die dem Auge sehr nahe sind, werden so verbreitert, daß sie nicht getrennt werden können. Erst die Einschaltung einer Öffnung (Blende) läßt sie wieder klar erkennen.

»Erst wer das an seine Form gebundene Sehorgan wirklich gefunden hat, wird den klaren Grund hierfür erkennen.« sagt Scheiner zum Schluß dieses Experiments.

Goercke, Ernst
Christoph Scheiners Versuche mit der »camera obscura«
Die Jesuiten in Ingolstadt, 1991, S. 144-147.


siehe auch:


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